30. August 2025

Brainstorming-Techniken

Schwarzer Text auf weißem Grund: Ingos Autorenwissen. Unten rechts in der Ecke das Markenzeichen von Ingo S. Anders: eine Schildkröte, auf deren Rücken ein Vogel sitzt.

Beim letzten Mal habe ich euch mit der Der Mörder ist nicht mal der Gärtner das Ergebnis eines Schreibspiels gezeigt.

Hierfür haben wir eine Brainstorming-Technik angewendet, die ungeheuer viel Spaß gemacht hat: Wir haben einige Runden Stadt-Land-Tod, welches auf Stadt-Land-Fluss basiert, gespielt. So haben wir einige Begriffe zusammenbekommen und dann eine Geschichte geschrieben, in der aus jeder Spalte ein Wort verwendet werden musste.

Genau so, wie ich mir beim Spiel erlauben musste, „Mist“ zu schreiben, zuzulassen, dass nicht alle Wörter in einer Zeile eine zusammenhängende Geschichte ergeben, so durfte ich auch beim Schreiben nicht darüber nachdenken, ob irgendetwas an der Handlung Sinn ergibt. Ist Feurige Lust wirklich ein Motiv? Gibt es das überhaupt? Heißt die Todesursache zum Verb „Erwürgen“ nicht doch „Strangulation“? Nimmt er in der Situation wirklich die S-Bahn, wenn er doch ein Auto hat?

Egal! Über Bord mit allen Bedenken! Das traf auch auf sämtliche Tropes, Klischees und Schreibtipps zu. Es hat mir lange keine Geschichte mehr so viel Spaß gemacht!

Täter: Kummerkastenonkel

Mordmotiv: Feurige Lust

Tatwaffe: Schlange

Tatort: Gartenlaube

Fluchtfahrzeug: S-Bahn

Todesursache: Erwürgen

Art des Verbrechens: Falschparken

Und ja, ich weiß, dass Falschparken kein Verbrechen, nicht einmal ein Vergehen, sondern eine Ordnungswidrigkeit ist. Bei dem Spiel gilt aber auch „Heimweh“ als Todesursache.
Wer zum Verkopfen neigt, dem empfehle ich diese Schreibübung. Aber bitte innerhalb einer Stunde schreiben und nicht lange nachdenken!

Mind-Mapping

Eine Eine Methode des zielgerichteteren Brainstormings ist das vermutlich den meisten noch aus der Schulzeit bekannte Mind-Mapping.

Beispiel 1 ist ein Mind-Mapping anlässlich einer Ausschreibung, bei der Geschichten aus der Perspektive einer Katze (gn) gesucht worden waren.
Hier stelle ich nur in den Fokus, dass die Geschichte aus Sicht einer Katze sein soll, deshalb ist „PoV Katze“ eingekringelt. Die Striche führen zu weiteren Gedanken, die hiervon ausgehen. Manche davon haben miteinander zu tun, manche führen zu weiteren Ideen.
Alles basiert auf meinen Erfahrungen mit meinen eigenen zwei Katzen, von denen eine mittlerweile verstorben ist. Das war zwar nicht unbedingt meine Absicht, aber es hat sich so ergeben.

Das Mind-Mapping lasse ich immer etwas sacken und setze mich dann bei einer späteren Gelegenheit noch einmal dran und setze in einem zweiten Schritt die groben Plotpoints fest (Finales Bild, Eröffnungsbild, Mittelpunkt, Durchbruch in den zweiten Akt, Durchbruch in Akt 3, Auslöser, Alles ist verloren). An diesem Gerüst, das ich auch erst mal in mir wachsen lasse, hangele ich mich dann beim Schreiben entlang.

Aus der Katzengeschichte wurde nichts, weil mir die Zeit zu knapp wurde, um sie mit einem guten Gefühl einzureichen. Es kam übrigens zu einem abgefahrenen Ausbruch aus einem Tierlabor in einer futuristischen Welt, wo die Katzen irgendwie das Überleben der Menschen sichern sollten und nachdem die Weg waren … Das war also meilenweit entfernt von dem Mind-Mapping. Nichts davon zeigt sich da.

In Beispiel 2 sieht es schon weit weniger übersichtlich aus. Hier sind die Punkte stärker miteinander vernetzt und der Text sprudelte gleich aus mir heraus. Die ersten Zeilen des Essays musste ich unbedingt sofort festhalten, damit sie nicht verloren gingen. Das Ergebnis ist Wer die Wahl hat, sich zu verstecken.

Mit einer KI chatten

Immer häufiger höre ich von anderen Schreibenden, dass sie zum Brainstorming mit Chat GPT chatten.

Ich nutze die KI lieber, um mir die Internetrecherche zu erleichtern.

Das hier spuckt Chat GPT zum Thema Brainstorming-Techniken aus (bereinigt um tote Links und unvollständige Angaben):


  1. Mind Mapping
    Beim Mind Mapping erstellst du eine zentrale Idee in der Mitte eines Blattes und verzweigst daraus verwandte Begriffe, Themen oder Bilder. Das fördert assoziatives Denken und neue Verbindungen.
  2. Clustering (Ideen-Cluster)
    Ähnlich wie beim Mind Mapping, aber hier kannst du Begriffe auf Karteikarten schreiben und sie auf einer Tafel oder einem großen Blatt anordnen. Dann suchst du nach Verbindungen und neuen Assoziationen.
  3. Free Writing (Freies Schreiben)
    Setze dir eine Zeit (z.B. 10 Minuten) und schreibe ohne Unterbrechung alles auf, was dir zum Thema einfällt. Dabei sind keine Rechtschreib- oder Grammatikregeln zu beachten. Das hilft, unbewusste Ideen ans Licht zu bringen.

Mit Menschen darüber sprechen

Wenn ich mit Mind-Mappings nicht weiterkomme oder habe einen Konflikt, weil mir zwei Ideen gleich gut erscheinen, dann tausche ich mich gerne mit anderen Menschen darüber aus.

Meistens sind meine „Opfer“ Autorenkolleg:innen, mit denen ich chatte. Ich liebe meine einschlägigen Discordserver!

Seegurken-Methode

Wem so gar keine Wörter einfallen wollen, dem sei die Seegurken-Methode empfohlen.
Hierbei ist das erste Wort vorgegeben. Es lautet: Seegurke.

Nun schreibt man die nächsten fünf Wörter auf, die einem einfallen. Egal, ob sie etwas mit Seegurken, der See, dem Meer oder Gurken zu tun haben oder vielleicht schon mit der Geschichte, die man eigentlich schreiben will. Wichtig ist, den ersten Gedanken aufzuschreiben – auch wenn es etwas ist, das eigentlich auf den Einkaufszettel sollte – und ihn nicht gleich zu verwerfen. Alles ist erlaubt.

Dann bildet man aus den fünf Wörtern in beliebiger Reihenfolge Sätze, indem man jeweils mindestens ein Wort in einem Satz verwendet. Wieder wird jeder Impuls zugelassen, egal wie schlecht oder peinlich das Ergebnis zu sein scheint.

Wer mag, kann die Wörter als Ausgangspunkt für ein Mind-Mapping verwenden oder aber aus den Sätzen Absätze machen.

„Ich weiß nicht, was ich schreiben soll“, maulte ich. „Schreib ‚Seegurke’“, schlug er vor, „Oder ‚Nudelholz‘.“ Ich schwieg. „Und wenn es Dir nicht gefällt, schreibst Du was anderes“, fuhr er fort. Ich blickte zu Boden. „Aber schreib was“, drängte er.
So ging das die ganze Zeit. War das mein Kampf gegen die Schreibfaulheit? Hatte ich tatsächlich Angst vor Kritik oder war ich etwa antriebslos? An Beifall mangelte es in der Regel nicht. Doch je länger ich darüber nachdachte, weshalb ich nicht schrieb, desto weniger schrieb ich.
Diesen Kreis musste ich durchbrechen.

Das war mein erster Text, der nach dieser Methode entstanden ist, die meine bessere Hälfte mir beigebracht hat. Preisverdächtig ist dieses Werk sicher nicht, aber es ist entstanden und zu dem Zeitpunkt war es bereits ein Erfolg, dass die Seite nicht weiß blieb. Die Seite mit diesem Text ist immer noch in meiner Werkzeugschublade, da ich häufig gefragt werde, was man machen kann, wenn einem so gar nichts einfällt.

Viele wollen schreiben, aber es will nicht gelingen. Ich persönlich glaube, dass es sehr wichtig ist, sich auf den Prozess einzulassen und vielleicht etwas weniger zu wollen – vor allem weniger perfekt sein zu wollen beim ersten Entwurf.

Was mich persönlich angeht, so stehe ich mir jedenfalls regelmäßig selbst im Weg, wenn ich zu sehr verkopfe. Immer dann, wenn ich etwas Neues übers Schreibhandwerk gelernt habe und nur ja alles richtig machen will. Dann geht plötzlich nichts mehr und wenn ich dann nicht gezielt auf diese Weise oder mittels des Schreiben gegen die Zeit mein Schreibrohr freiblase, können sich sehr lange Schreibflauten ergeben.

Euer Ingo S. Anders

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Ingo S. Anders

Ingo S. Anders – der Name ist Programm: Ingo schreibt anders. Mal hart, mal zart, oft queer, meist kurz. Und immer aus dem Bauch raus. Kurze Geschichten sammelte der Hamburger in seinem Debüt »Tobaksplitter«. Zuletzt beteiligte er sich an der Benefiz-Anthologie »Erzählte Welten – Texte aus dem Schreib-Forum« zugunsten der Nothunde La Mancha e.V. In seiner Freizeit entspannt Ingo sich beim Singen.

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